21.11.2016

Präsentismus – ein unterschätzter Kostenfaktor


 

Schwerpunktthema Gesundheitsökonomie der November-Ausgabe Zeitschrift „Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin (ASU)“

Krankheitsbedingte Fehlzeiten, in der Fachsprache Absentismus genannt, stellen sowohl Unternehmen als auch die Gesellschaft als Ganzes vor große Heraus-forderungen. Dabei sind krankheitsbedingte Ausfälle aber nur eine Seite der Medaille : Neben dem Absentismus stellt der so genannte Präsentismus, d.h. das Verhalten, trotz Krankheit am Arbeitsplatz zu erscheinen, einen nicht weniger großen Kostenfaktor für Unternehmen und Gesellschaft dar, der nach wie vor oftmals unterschätzt oder gar überhaupt nicht berücksichtigt wird. Das wissen-schaftlich-publizistische Organ der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM), die im Stuttgarter Gentner Verlag erscheinende Fachzeitschrift „Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin (ASU)“ diskutiert in der soeben erschienenen November-Ausgabe einige wichtige gesundheits-ökonomische Aspekte und Fragen, darunter auch das Problem des Präsentismus.

Die Autoren des Beitrags „Präsentismus - ein unterschätzter Kostenfaktor“, Dr. Nadja Amler, Katrin Docter und Oliver Schöffski vom Lehrstuhl für Gesundheits-management an der Universität Erlangen-Nürnberg, reflektieren in ihrem Beitrag dieses Phänomen vor dem Hintergrund eines umfassenden Kosten- und Nutzen-ansatzes im Gesundheitswesen. Dabei werden direkte von indirekten Kosten und Nutzen sowie von „intangiblen Effekten“ unterschieden. Unter diesen subsumiert man monetär nicht quantifizierbare Effekte, etwa Scherz oder Leid. Medizinische Kosten, so etwa für Diagnosen und Therapien inklusive Arzneimittel, gelten als direkte Kosten, da diese in Geld messbar sind. Ebenfalls messbar sind die indirekten Kosten, etwa der Produktivitätsverlust, der einer Volkswirtschaft entsteht, wenn Mitarbeiter krankheitsbedingt ausfallen oder, bedingt durch gesundheitliche Ein-schränkungen, weniger leistungsfähig sind. Zu den indirekten Kosten und Effekten sind ebenfalls jene zu zählen, wenn Mitarbeiter vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) führten in Deutschland allein krankheitsbedingte Fehlzeiten im Jahr 2014 volkswirtschaftlich zu einem Produktivitätsverlust von rund 57 Milliarden Euro bzw. einem Verlust an Arbeitsproduktivität von 90 Milliarden Euro.

In ihrem Beitrag weisen die Autorinnen und Autoren um Nadja Amler ebenfalls darauf hin, dass zwar seit langem der Krankenstand in Deutschland sich auf einem sehr niedrigen Niveau bewege, aber aus der Analyse unterschiedlicher Studien die Tendenz zu registrieren sei, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer trotz Krankheit vermehrt arbeiten gehen. Diesen Trend belegen auch Studienergebnisse aus Skandinavien. Dort bewegt sich laut Amler, Docter und Schöffski der Anteil der Mitarbeiter, die trotz Krankheit zur Arbeit gehen, auf einem erschreckend hohen Niveau: Im Jahr 2005 gaben 53 Prozent der Befragten an, im Vorjahr mehr als einmal krank arbeiten gegangen zu sein. In Deutschland liegen hierzu Daten aus zwei repräsentativen Befragungen aus den Jahren 2003 und 2007 vor. In beiden Jahren gaben rund zwei Drittel der Befragten an, im Vorjahr zur Arbeit gegangen zu sein, obwohl sie sich krank gefühlt hätten. Rund ein Drittel der Befragten ging sogar gegen den Rat ihres Arztes arbeiten. Im Geschlechtervergleich gingen Frauen tendenziell öfter trotz Krankheit arbeiten als Männer.

Die Gründe für ein solches Verhalten beschreibt das Autorenteam um Nadja Amler als mannigfaltig. Die damit einhergehenden Kosten können genauso groß sein bzw. ein Vielfaches der Kosten erzeugen, die Unternehmen und Gesellschaft durch Absentismus entstehen. Darüber hinaus gibt es weitere negative Effekte: Die Mitarbeiter gefährden nämlich nicht nur ihre eigene Gesundheit und die der Kollegen, sondern stellen zugleich auch einen erheblichen Kostenfaktor für die Unternehmen und die Gesellschaft dar. Eine geringe Arbeitsqualität sowie eine erhöhte Anzahl von Fehlern oder Unfällen bei der Arbeit sind mögliche Folgen. Ferner deuten einige wissenschaftliche Studien auf ein erhöhtes Risiko für einen vorzeitigen Ausstieg aus dem Erwerbsleben hin. Während die Kosten durch Präsentismus noch vor wenigen Jahren kaum berücksichtigt wurden, erfreut sich die Erforschung dieses Phänomens einer zunehmenden Beliebtheit. Vor dem Hinter-grund der damit verbundenen Folgen für den Einzelnen, für die Unternehmen und die gesamte Gesellschaft wäre es nach Meinung des Autorenteams dringend erforderlich, wenn die Erforschung des Themas weiter vorangetrieben würde.
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Über ASU – Zeitschrift für medizinische Prävention
Die Zeitschrift ASU ist das Leitmedium der deutschsprachigen Arbeitsmedizin. Das Publikationsorgan der Fachinstitutionen VDBW, DGAUM, ÖGA, SGARM, Vereinigung Deutscher Staatlicher Gewerbeärzte e.V. sowie der arbeitsmedizinischen Akademien richtet sich an Betriebsärzte, Arbeitsmediziner und Akteure in wichtigen Schnittstellenbereichen zur Arbeitsmedizin. Die Zeitschrift ist peer reviewed. 1965 gegründet, erscheint ASU monatlich und erreicht nahezu alle arbeits- und präventionsmedizinisch orientierten Akteure im deutschsprachigen Raum. Weitere Informationen unter www.asu-arbeitsmedizin.com

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