11.09.2018

Migration und Medizin



Die hohe Zahl der Migranten, die in den letzten Jahren in Europa Asyl suchten, hat die Politik und unsere Gesellschaft stark gefordert. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gingen 2015 in Deutschland 441.899 Erstanträge von Asylsuchenden aus Syrien, Irak, Afrika, Pakistan, Afghanistan, Ländern des Nahen Ostens und am Balkan ein. Neben der Frage der Unterbringung war vor allem die Gewährleistung der medizinischen Versorgung eine große Herausforderung, die Deutschland kurzfristig umsetzen musste. Am Beispiel von Hamburg zeigt sich, wie diese Aufgabe erfolgreich umgesetzt werden konnte und wo Chancen für eine gelungene Integration liegen.


Hohe Zahl an Migranten als herausfordernd für die medizinische Versorgung
Auf die hohe Zahl der Schutz- und Asylsuchenden im Jahr 2015 waren die meisten Bundesländer nicht vorbereitet. Unter Hochdruck musste nicht nur die Registrierung und saisongerechte Unterbringung sondern auch die medizinische Versorgung tausender Geflüchteten sichergestellt werden. Beschwerliche Fluchtumstände und das Leben in provisorischen Unterkünften brachten vielfache gesundheitliche Herausforderungen, vor allem für Kinder und Schwangere. Die medizinische Grundversorgung durch meist ehrenamtlich oder auf Honorarbasis arbeitende Ärztinnen und Ärzte war schnell erschöpft. Viele Migranten suchten zudem die Notaufnahmen der Krankenhäuser auf oder wurden notärztlich versorgt. Dies führte zu Überbelastung und Beschwerdelagen der Krankenhausträger und kassenärztlichen Vereinigung.

Medizinische Versorgung von Asylbewerbern gesetzlich festgelegt

Gemäß Asylgesetz (AsylG) sind „Ausländer, die in einer Aufnahmeeinrichtung oder Gemeinschaftsunterkunft zu wohnen haben, […] verpflichtet, eine ärztliche Untersuchung auf übertragbare Krankheiten […] zu dulden“. Zur standardmäßigen Erstuntersuchung von Geflüchteten gehören Schutzimpfungen, Röntgenaufnahmen der Atmungsorgane, Screenings auf Infektionskrankheiten sowie im Verdachtsfall Hepatitis-, HIV-und Syphilis-Tests. Die medizinische Versorgung von Asylbewerbern ist durch das Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) geregelt. Dies sieht eine „Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände“ vor. Zu den Basisleistungen gehören unter anderem das Behandeln akuter Schmerzen und Verletzungen, Erste Hilfe, Schwangerschaftsvorsorgeleistungen, das Überweisen an Fachärzte, die Diagnose psychischer Probleme und Begleitung bei Medikamenten-Einnahme.

Allgemeinmedizinische Sprechstunden in Hamburger Erstaufnahmeeinrichtungen

Der Stadt Hamburg gelang es innerhalb kurzer Zeit, ein funktionierendes System der medizinischen Erstversorgung in den Erstaufnahmeeinrichtungen (EA) zu etablieren. Schlüsselfaktor war das Einrichten von allgemeinmedizinischen Sprechstunden mit regelmäßigen, werktäglichen Öffnungszeiten. Dafür wurden zusätzliche medizinische Fachkräfte unter Vertrag genommen: Pro 1.000 Geflüchtete standen jeweils ein Arzt und eine medizinische Assistenzkraft vollzeitig zur Verfügung. Arbeitsanweisungen und die Grundausstattung mit Medikamenten und Equipment wurden standardisiert. Das ermöglichte eine zielgerichtete Weiterbehandlung der Migranten und verhinderte eine Überbelastung der Hamburger Notaufnahmen. Besonders wirksam war die Simultanübersetzung mittels eines Videodolmetsch-Systems. Dadurch wurde eine schnelle Verständigung zwischen Arzt und Patient gewährleistet. Das Projekt wurde durch eine großzügige Spende ermöglicht und mit einem Innovationspreis ausgezeichnet.

Wichtig ist die systematische Datenerfassung
In vielen Städten erschwerte eine fehlende Datengrundlage die schnelle und adäquate medizinische Versorgung. Mit Hilfe eines Bundesprojekts gelingt es aber seit 2017, Gesundheitsstatus und gesundheitliche Bedürfnisse der Migranten systematisch zu erfassen. Dadurch lässt sich erkennen, welche Probleme sie in die medizinische Sprechstunde gehen lassen. Zu den häufigsten Gründen zählen Infekte der oberen Atemwege, Schmerzen, Hauterkrankungen, psychische Probleme und Schwangerschaften. Diese Datenerfassung hilft, die benötigte Versorgungskapazität in den Erstaufnahmeeinrichtungen besser zu planen.

Kulturelle Sensibilität in der medizinischen Versorgung fördert die Integration

Das Engagement von Bevölkerung und Fachkräften haben eine „Willkommenskultur“ in Hamburg geschaffen und es den Behörden ermöglicht, die Leistungen effektiv zu koordinieren. Die Mitarbeiter in den Sprechstunden werden in Hamburg nach wie vor dazu angehalten, Rücksicht auf etwaige Traumatisierungen ihrer Patienten zu nehmen und Feingefühl im Umgang mit kulturellen und religiösen Vorstellungen und Praktiken zu zeigen. In Zusammenarbeit mit der Hamburger Ärztekammer werden regelmäßige Fortbildungsveranstaltungen zur Flüchtlingsmedizin angeboten. Dadurch konnte schrittweise die Integration der Geflüchteten in ihr neues Lebensumfeld erreicht werden. Kulturelle Sensibilität ist daher unbedingt als zunehmend wichtige Kompetenz von Akteuren im Gesundheitswesen zu berücksichtigen.

Mehr zu diesem Thema erfahren Sie im Beitrag „Medizinische Versorgung von Geflüchteten in Hamburg“ von Dr. med. Johannes Nießen und Dr. med. Elke Jakubowski in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Arbeitsmedizin Sozialmedizin Umweltmedizin (ASU) unter: https://www.asu-arbeitsmedizin.com/Archiv/ASU-Heftarchiv/article-835809-110576/medizinische-versorgung-von-gefluechteten-in-hamburg-.html

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