06.12.2016

Psychische Gesundheit und erfolgreiche Integration – Wie schaffen wir das?


Schwerpunktthema „Migration und Medizinische Versorgung“ in der Dezember-Ausgabe der Zeitschrift „Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin (ASU)“

Die Gesellschaft der Bundesrepublik ringt um die Integration all jener Menschen, die in den letzten Jahren und vor allem im vergangen Jahr aus ihren Heimatländern geflohen und nach Deutschland gekommen sind. Vor diesem aktuellen Hintergrund steht der Themenschwerpunkt „Migration und Sozialmedizin“ im Mittelpunkt der  aktuellen Dezember-Ausgabe der Fachzeitschrift „Arbeitsmedizin, Sozialmedizin, Umweltmedizin (ASU)“. Die „ASU“ ist das wissenschaftlich-publizistische Organ der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM) und erscheint im Stuttgarter Gentner Verlag. Ein Beitrag des Themenschwerpunktes gilt dem Aspekt der psychischen Gesundheit im Zusammenhang mit einer erfolgreichen Integration der Flüchtlinge. Nach Auffassung von  Professor Dr. med. Sabine C. Herpertz,  Direktorin der Klinik für Allgemeine Psychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg und Professor Dr. med. Johannes Kruse, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Gießen und Marburg, sind die meisten Flüchtlinge bereits vor und dann zumeist während ihrer Flucht erheblichen Stressoren ausgesetzt und häufig traumatisiert, so dass diese Menschen dringend eine adäquate psychotherapeutische Versorgung benötigen.

Einer raschen psychotherapeutischen Hilfe stehen allerdings die einschlägigen Bestimmungen des Asylbewerberleistungsgesetzes (AsylbLG) entgegen: Flüchtlinge haben zuerst nur Anspruch auf eine medizinische Notversorgung. Psychotherapie dagegen kann vom zuständigen Sozialamt nach dem AsylbLG § 6 erst genehmigt werden, wenn diese „im Einzelfall zur Sicherung des Lebensunterhaltes oder der Gesundheit unerlässlich“ ist. Umstritten ist dabei die Abgrenzung zwischen chronischen und akuten Erkrankungen, da bei Nichtbehandlung chronischer Krankheiten ein akuter Krankheitszustand drohen kann.  Erst nach einem 15-monatigen Aufenthalt ohne Unterbrechung in Deutschland haben Asylsuchende nach §264 Absatz 2 Satz 1 und Absatz 4 Satz 1 SGB V Anspruch auf Leistungsspektrum der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und somit auf eine psychotherapeutische Behandlung.

Herpertz und Kruse erweisen in ihrem Beitrag auf aktuelle epidemiologische Zahlen, die aus einem Forschungsprojekt  von Professor Dr. med. Günter Niklewski, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Nürnberg, resultieren: Zwischen 2011 und 2012 hat Niklewski die Asylbewerberinnen und Asylbewerber in einer Zentralen Aufnahmeeinrichtung in Zirndorf, Bayern,  systematisch untersucht. Zu den häufigsten Erkrankungen unter den Probanden wurden affektive Störungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Schlafstörungen sowie Angststörungen gezählt, um einige Krankheitsbilder zu nennen.
Im ASU-Beitrag von Herpertz und Kruse wird ebenfalls  auf die besondere Situation von minderjährigen Flüchtlingen und auf der Flucht befindlichen Frauen hingewiesen. Für ein Gelingen der Integration im ersten Fall ist eine enge Zusammenarbeit mit Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen sowie engagierten Bürgern erforderlich.

In der Arbeit mit Flüchtlingen darf zudem die Rolle der Sprachmittler und Dolmetscher nicht außer Acht gelassen werden. Diese werden vor erhebliche Herausforderungen gestellt. In der Exploration von Trauma-Opfern sind Sprachsicherheit und eine möglichst wortgetreue Übersetzung besonders wichtig. Jedoch sei, so Herpertz und Kruse, der Übersetzer keine „Übersetzungsmaschine“ sondern trete in eine „Triade“ mit dem Patienten und Therapeuten ein. Damit ist die Möglichkeit gegeben, dass der Übersetzer selbst Opfer einer sekundären Traumatisierung werden kann. Deshalb brauche es neben Fortbildungen auch regelmäßige Entlastungs- und Informationsgespräche zwischen Dolmetscher und Therapeuten vor und nach den Behandlungsstunden sowie weiterhin die Möglichkeit einer externen Supervision. 

Traumatisierte Flüchtlinge brauchen eine umfassende psychosoziale Versorgung, die in ihren Schwerpunkten in Abhängigkeit von der aktuellen Lebenssituation, der Verweildauer im Aufnahmeland und der Schwere der psychopathologischen Symptomatik interindividuell recht unterschiedlich sein kann. Aktuell erhält jedoch nur ein geringer Teil der Flüchtlinge, die unter einer psychischen Erkrankung leiden, eine angemessene Behandlung und noch weniger sind präventive Maßnahmen verbreitet.

Für die Zukunft stellt es eine große gesellschaftliche Aufgabe dar, in den verschiedenen Aus- und Fortbildungsbereichen unseres  Gesundheitswesens standardmäßig migrationsspezifische Inhalte und relevante kulturelle Informationen unter der Berücksichtigung von Genderaspekten sowie Spezifika im Umgang mit (Bürger-)Kriegsopfern zu integrieren. Zudem ist es notwendig, den Einsatz von Dolmetschenden und Sprachmittlern im Gesundheitswesen rechtlich, finanziell und qualitativ zu regeln und sowohl professionellen als auch Laienhelfern die notwendige Unterstützung und Supervision bereitzustellen.

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Über ASU – Zeitschrift für medizinische Prävention

Die Zeitschrift ASU ist das Leitmedium der deutschsprachigen Arbeitsmedizin. Das Publikationsorgan der Fachinstitutionen VDBW, DGAUM, ÖGA, SGARM, Vereinigung Deutscher Staatlicher Gewerbeärzte e.V. sowie der arbeitsmedizinischen Akademien richtet sich an Betriebsärzte, Arbeitsmediziner und Akteure in wichtigen Schnittstellenbereichen zur Arbeitsmedizin. Die Zeitschrift ist peer reviewed. 1965 gegründet, erscheint ASU monatlich und erreicht nahezu alle arbeits- und präventionsmedizinisch orientierten Akteure im deutschsprachigen Raum. Weitere Informationen unter www.asu-arbeitsmedizin.com


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