Forum Arbeitsphysiologie - Künftige Forschungsaufgaben für die Arbeitsphysiologie

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. | Drucken | E-Mail

Die Arbeitsphysiologie basiert auf den Kenntnissen der Funktion des menschlichen Körpers und seiner Organsysteme vor, während und nach (Arbeits-)Belastungen. Die Wurzeln der Arbeitsphysiologie liegen in der Medizin, die Anwendungsfelder sind jedoch ausgesprochen interdisziplinär.

Aus den Ergebnissen arbeitsphysiologischer Untersuchungen sind

  • Empfehlungen zur optimalen Gestaltung von Arbeitsanforderungen und -organisation,
  • Richtwerte für die Beurteilung zulässiger und adäquater Arbeitsanforderungen,
  • wissenschaftliche Grundlagen gesundheitsfördernder und leistungssteigernder Maßnahmen für den Arbeitenden,
  • Empfehlungen zum Arbeitseinsatz leistungsveränderter oder leistungsgemindeter Personen

abzuleiten. Ein vornehmliches Ziel der Arbeitsphysiologie in der Forschung besteht darin, Methoden und Verfahren zu entwickeln und anzuwenden, mit denen die "physiologischen Kosten menschlicher Arbeit" quantifiziert werden können.

Deshalb stellt die grundsätzliche Änderung von Arbeitsanforderungen, -struktur, -organisation und -bedingungen auch die Frage nach dem zukünftigen Stellenwert und der Aufgabenstellung arbeitsphysiologischer Forschung, nachdem die Blüte der Arbeitsphysiologie als einer "Physiologie der körperlichen Arbeit" in den letzten 2 Jahrzehnten deutlich an Bedeutung verloren hat.

Das Forum Arbeitsphysiologie ist der Auffassung, dass moderne Arbeit zu wachsenden Anforderungen an die Arbeitsphysiologie führt,

  • weil die Rolle des Produktivfaktors Mensch in einer modernen Wirtschaftsphilosophie wächst, weshalb Belastbarkeit, Anpassung, Erholung und Leistungsgrenzen von Beschäftigten zu einem zentralen Problem werden;
  • weil damit eine differentielle Arbeitsgestaltung und ein differentieller Arbeitseinsatz keine Utopie, sondern eine Notwendigkeit werden;
  • weil neben einer durchschnittsorientierten Bewertung von Beanspruchung auch die Erforschung individuell-disponierender Faktoren zwecks Verhütung von Funktionsstörungen und Krankheiten notwendig wird;
  • weil sich durch die Flexibilisierung von Arbeitszeit, -organisation und -ort die Grenzen zwischen Arbeits- und Nichtarbeitszeit vermischen und damit neue Anforderungen an die physiologische Beanspruchungsregulation unter Einbeziehung von Freizeit und Schlaf ergeben;
  • weil die sich ständig ändernden Arbeitsplatzbedingungen höhere Anforderungen an die Einarbeitung und Anpassung stellen;
  • weil die Entwicklung der Beschäftigtenstruktur hinsichtlich Veränderungen und Verschiebungen der Berufsstruktur, aber insbesondere hinsichtlich des Alters und des Geschlechtes neue Herausforderungen für die arbeitsphysiologische Beanspruchungsforschung darstellt;
  • weil die moderne Wirtschaft für chronisch Kranke und Behinderte neue Chancen bietet und zum anderen der Anteil chronisch Kranker im Vorrentenalter mit Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit zunehmen wird; hierzu gehört auch die Wiedereingliederung vorübergehend leistungsgeminderter Arbeitnehmer;
  • weil die Erweiterung des Arbeitsschutzauftrages auf menschengerechte Arbeitsgestaltung und Verminderung von arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren sowie die Notwendigkeit von Gesundheitsförderung und Ressourcennutzung in der Arbeitstätigkeit von der Arbeitsphysiologie verlangt, den alleinigen risikoorientierten methodischen Ansatz durch einen ressourcenorientierten zu ergänzen.


Diese Problemstellungen für die Entwicklung der Arbeitsphysiologie verlangen die Erweiterung ihrer medizinischen Grundlagenorientierung auch auf psychische und soziale Prozesse zum Verständnis und zur Beeinflussung von Beanspruchungswirkungen durch Arbeit. Deshalb beinhaltet Arbeitsphysiologie heute die Erfassung und Bewertung aktueller physischer, psychischer sowie Handlungs- und Verhaltensänderungen eines Beschäftigten durch Arbeit unter Berücksichtigung der gesamten Lebensprozesse eines arbeitenden Menschen. Angesichts der sich rasant ändernden physischen und psychophysischen Arbeitsbedingungen muss die Arbeitsphysiologie einen wesentlichen Beitrag zum dadurch notwendigen Paradigmenwandel arbeitsmedizinischer Konzepte leisten.

Arbeitsphysiologie hatte bisher in der Forschung ihren Schwerpunkt in der Ableitung von Schlussfolgerungen für die Gestaltung von Arbeit. Zukünftig erlangt die wissenschaftliche Fundierung arbeitsmedizinischen diagnostischen Handelns einen größeren Stellenwert. Fragen nach Flexibilität, Widerstandsfähigkeit, Innovationsfähigkeit, soziale Kompetenz, emotionale Stabilität werden auch an die Arbeitsmedizin im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen gestellt werden.

Im Rahmen der o. g. Anforderungen an die Arbeitsphysiologie ergeben sich für die nächsten Jahrzehnte konkrete Frage- und Aufgabenstellungen:

  • Die Arbeitsphysiologie hat wesentlich dazu beizutragen, integrative Konzepte zur Klärung und Beeinflussung der Mensch-Arbeits-Beziehungen zu entwickeln, die Grundlage für praktisches Handeln darstellen. Die Arbeitsphysiologie hat viel stärker als bisher eine integrative Funktion zwischen den Disziplinen zu übernehmen.
  • Eine zentrale Bedeutung für die Arbeitsphysiologie erlangt die kognitive und emotionale Beanspruchung und Belastbarkeit. Es müssen Methoden zur Gefährdungs- und Ressourcenanalyse, zur Erfassung und Beeinflussung chronischer Belastungszustände, zum prognostischen Arbeitseinsatz bei Leistungsgewandelten entwickelt werden. Damit sind die Voraussetzungen für eine differentielle Betrachtung von Arbeit und Mensch zu legen.
  • Arbeitsphysiologie muss sich stärker der Diagnostik und Beeinflussung von "employability" und Belastungstoleranz für moderne Arbeitsanforderungen widmen.
  • Es ist das gegenwärtige Methodeninventar zur Beanspruchungsobjektivierung in der Praxis einer kritischen Analyse zu unterziehen. Nicht die Quantität von Messparametern sondern ihre Validität und Zuverlässigkeit bestimmen den Nutzen.
  • Kriterien, wie Lästigkeit, Befindlichkeitsstörungen und Wohlbefinden müssen auch für die Arbeitsphysiologie als Beanspruchungsparameter nutzbar gemacht werden.
  • Eine besondere Rolle für die Arbeitsphysiologie muss die Erfassung, adäquate Nutzung und Beeinflussung der Arbeitsfähigkeit von älteren Beschäftigten einnehmen.
  • Durch die Veränderung von Arbeitsorganisation und -struktur erlangen diejenigen arbeitsphysiologischen Methoden und Bewertungskriterien wachsende Bedeutung, die auf einer 24-Stunden-Basis erfasst worden sind. Erholungsverhalten über den Tag, aber auch in längeren Abschnitten (Diskussion Lebensarbeitszeit und ihre Gestaltung) rückt stärker in den Mittelpunkt der Forschung.
  • Moderne Arbeit und das gegenwärtige Wissen erfordern eine integrative Sichtweise. In ein solches Modell des integrativen Verhaltens soll sich auch eine integrative Wahrnehmung einordnen. Unter diesem Gesichtspunkt brauchen wir Forschungsaktivitäten zur Bewertung und Beeinflussung von Sinnesfunktionen, die heute in der modernen Arbeit weitaus beträchtlicher gefordert werden als in einer traditionellen industriellen Arbeit.
  • Eine weitere Rolle spielen die menschlichen Voraussetzungen, ihre Erfassbarkeit und ihre prognostische Bewertung für den Einsatz in Sondersituationen, z. B. im Militär- und Rettungswesen u.a..
  • Klassische arbeitshygienische Faktoren, die bisher unter dem Gesichtspunkt Risiko und eventuell noch Leistungsfähigkeit gesehen wurden, spielen unter dem Aspekt ihrer kognitiv-emotionalen Funktionen und damit ihrer Leistungsbeeinflussung eine zunehmende Rolle. Dies trifft beispielsweise für Beleuchtung, Lärm und Vibration zu. Neben physikalischen Handlungskriterien gewinnen subjektive Bewertungskriterien wachsende Relevanz bei der Gestaltung von physikalischen Arbeitsbedingungen.
  • Bisher spielten in der klassischen Arbeitsmedizin und Arbeitswissenschaft die Kombinationswirkungen verschiedener Arbeitseinflüsse unter dem unmittelbaren Arbeitsbezug eine Rolle. Vor der Arbeitsphysiologie steht die Aufgabenstellung, auch die Kombinationswirkungen solcher Faktoren unter veränderter Zeitstruktur der Arbeit und der immer engeren Wechselbeziehung zu außerberuflichen Faktoren zu untersuchen.
  • Die Verdichtung von Arbeit und Arbeitszeit nimmt immer mehr zu. Ermüdungsbedingte negative Auswirkungen nehmen einen erheblichen Umfang an finanziellen und menschlichen Schäden ein. Deshalb spielt die Frage der Ermüdungsdiagnostik, der Beeinflussung, der prognostischen Wertung und daraus abzuleitende Gestaltung von Arbeit eine wachsende Bedeutung.
  • Aufgrund der epidemiologischen Bedeutung von Muskel- und Skelettbeschwerden und -erkrankungen wird dies auch ein wesentlicher Schwerpunkt der Arbeitsphysiologie auf der Grundlage der oben dargestellten Interdisziplinarität sein, wobei auch hier psychische Aspekte nach den mechanischen Schwerpunkten in den Vordergrund rücken.
  • Moderne Technik erlaubt auch neue Möglichkeiten des Einsatzes von Behinderten, wobei nicht nur die Möglichkeiten der Biomechanik eine Rolle spielen. Hierbei ist auch die Arbeitsphysiologie gefordert.
  • Moderne Arbeit ermöglicht es auch, die Frage nach Risiken und Ressourcen chronisch Kranker neu zu stellen. Hier muss die Frage untersucht werden, welche Effekte moderne Arbeit tatsächlich bei chronisch Kranken hat und welche Tätigkeit von chronisch Kranken ohne Risiko erfüllt werden kann, welche Ressourcen in der Arbeit für den chronisch Kranken liegen.
  • Methodisch geht es um die Weiterentwicklung multivariater Biostatistik unter solch integrativen Aspekten, wobei auch die Arbeitsphysiologie Anforderungen stellen muss.


Dabei spielt die Frage des Umganges mit der Variabilität und der Individualisierung von Beanspruchungswirkungen eine wichtige Rolle.

Zielgruppe arbeitsphysiologischer Kommunikation dürfen nicht nur die Fachleute der "wissenschaftlichen Gemeinde" sein, sondern auch die Endabnehmer arbeitsphysiologischer Erkenntnisse in den Betrieben. Dies ist bei der Bewertung arbeitsphysiologischer Forschung und entsprechender Publikationen zu berücksichtigen.

Nachdem die Arbeitsphysiologie in der Bundesrepublik nach der Blüte der Physiologie der körperlichen Arbeit wesentlich an Forschungskapazität und konkreten Aufgabenstellungen verloren hatte, steht gegenwärtig für die Arbeitsphysiologie eine neue erweiterte Aufgabenstellung, die ihre Entwicklung als eine angewandte Disziplin, die auch eine enge Beziehung zu Grundlagenwissenschaften aufweisen muss, vor einer neuen Herausforderung. Deshalb braucht sie auch eine erhebliche Unterstützung.



Im Rahmen des Forschungsprojektes "Bilanzierung der Arbeitsschutzforschung" wurden neben einer Literaturanalyse und der Analyse deutscher Forschungsprojekte seit 1980 sowie zahlreicher Interviews mit Experten der Arbeits- und Gesundheitsschutzforschung dieses Papier erarbeitet, durch das Forum für Arbeitsphysiologie, eine Vereinigung von arbeitsphysiologischen Experten deutschsprachiger Länder in Hamburg am 31.04./01.04.00 und in Berlin am 17.05.2000 diskutiert und verabschiedet.